Von Quinoa, Amaranth oder Buchweizen bis hin zu Chia und Kaniwa.

Als Pseudogetreide werden die Körnerfrüchte von verschiedenen Pflanzenarten bezeichnet, die nicht zur Familie der Süßgräser gehören, aber in der Verwendung fast genauso wie Getreide verarbeitet werden können.
Einstieg
Pseudogetreide wie Quinoa, Amaranth und Buchweizen gewinnen zunehmend an Bedeutung als gesunde und glutenfreie Alternative zu klassischem Getreide. Obwohl sie botanisch nicht zu den Süßgräsern gehören, lassen sie sich ähnlich vielseitig verwenden wie klassische Getreidearten. Aufgrund ihres hohen Gehalts an pflanzlichem Eiweiß, Mineralstoffen und Ballaststoffen werden sie in den Medien auch häufig als sogenanntes „Superfood“ bezeichnet. In Zeiten bewusster Ernährung und nachhaltiger Landwirtschaft rücken sie deshalb immer stärker in den Fokus.
Die Pseudogetreidearten ähneln in Form und Anwendung ihrer Samen klassischen Getreidekörnern, dennoch besitzen sie einige wesentliche Unterschiede zu den herkömmlichen Getreidesorten. Im Gegensatz zu Weizen, Gerste oder Roggen wachsen Pseudogetreide an krautigen Pflanzen aus Knöterich-, Amaranth- oder Fuchsschwanzgewächsen. Ihr Anbau erfolgt häufig unter widrigen Bedingungen wie z. B. in Höhenlagen der Anden oder auf nährstoffarmen Böden, an denen klassische Getreidepflanzen kaum gedeihen oder einen sehr geringen Ertrag bringen.
Gegenüber den üblicherweise in Europa angebauten Kulturpflanzen besitzen Pseudogetreide eine niedrigere Ertragssicherheit. Sie sind deshalb – auch bedingt durch Ernteschwankungen und klimatische Voraussetzungen – nur in wenigen europäischen Regionen konkurrenzfähig und werden größtenteils importiert. Quinoa etwa hat eine lange Tradition in der Landwirtschaft indigener Völker Südamerikas und wurde dort bereits vor über 5.000 Jahren kultiviert – was auch die kulturelle Bedeutung dieser Pflanzen unterstreicht.
Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal von Pseudogetreide gegenüber den „echten Getreidearten“ besteht wohl auch darin, dass sie von Natur aus glutenfrei sind und dadurch als interessante Alternative für Menschen mit entsprechenden Allergien oder Zöliakie gelten. Durch das fehlende Klebereiweiß „Gluten“ besitzen Pseudogetreide jedoch keine Eigenbackfähigkeit und sind somit für das Brotbacken in Reinform ungeeignet. Dennoch gibt es viele Anwendungsmöglichkeiten, bei denen Pseudogetreide ähnlich wie normales Getreide verwendet wird oder dieses teilweise ersetzt – etwa in Müslis, Bratlingen, Pfannengerichten oder als Beilage.
Auch in der modernen Lebensmittelentwicklung – beispielsweise bei der Herstellung glutenfreier Teigwaren, Snacks oder pflanzlicher Proteinprodukte – spielen Pseudogetreide eine wachsende Rolle und tragen zur Vielfalt im Speiseplan gesundheitsbewusster Konsumenten bei.

Überblick der wichtigsten Sorten:
1. Quinoa
Das „Gold der Inka“ mit vielfältigen Farbvarianten und ausgezeichneten Nährwerten.
2. Amaranth
Eine Kulturpflanze der Azteken, reich an Lysin und vielseitig in Süß- und Herzhaftgerichten.
3. Buchweizen
Weltweit geschätzt für sein nussiges Aroma in Grütze, Pfannkuchen und Nudeln.
4. Kañiwa
Die dunkle Anden-Spezialität mit besonders hoher Mineralstoffdichte.
5. Chia
Winzige Samen, die beim Quellen zu einem Gel werden und in Puddings, Smoothies oder Backwaren begeistern.
Nachfolgend werden die fünf bekanntesten Pseudogetreide in separaten Rubriken einzeln näher vorgestellt

Inhaltsstoffe und biologische Wertigkeit
Die Inhaltsstoffe und der Energiegehalt der meisten Pseudogetreide ähneln denen herkömmlicher Getreidesorten, auch wenn einige Pflanzen wie Quinoa oder Amaranth in der Werbung häufig als „Superfood“ angepriesen werden. Einzig ein höherer Gehalt an Lysin, einer Aminosäure, die der menschliche Organismus nicht selbst herstellen kann, sowie einige ungesättigte Fettsäuren – insbesondere bei Quinoa und Amaranth – heben sie deutlich von herkömmlichem Getreide ab und machen sie ernährungsphysiologisch besonders wertvoll.
Darüber hinaus enthalten Pseudogetreide relevante Mengen an hochwertigem pflanzlichem Eiweiß, Ballaststoffen, Magnesium, Eisen, Kalium, Zink und B-Vitaminen.
Auch antioxidativ wirkende sekundäre Pflanzenstoffe sind in nennenswertem Umfang vorhanden. Diese Kombination unterstützt nicht nur die Muskulatur und den Energiestoffwechsel, sondern trägt auch zur allgemeinen Zellgesundheit und Immunabwehr bei.
Durch diese Eigenschaften sind Pseudogetreide nicht nur für Sportler, Vegetarier und Veganer eine hochwertige Proteinquelle, sondern auch für Menschen mit Glutenunverträglichkeit eine ideale Alternative.
Sie profitieren dabei zusätzlich von der guten Nährstoffdichte und der darmfreundlichen Wirkung der enthaltenen Ballaststoffe – was Pseudogetreide zu einem wertvollen Bestandteil einer ausgewogenen, modernen Ernährung macht.

Anbau von Pseudogetreide in Europa
In Europa sind Pseudogetreide zwar noch Nischenkulturen, doch einige Arten haben sich etabliert und werden weiter erforscht, um sie an unser Klima und unsere Anbaubedingungen anzupassen.
Buchweizen zählt längst nicht mehr zu den Exoten, ist in Europa bewährt und wird in mehreren Regionen wirtschaftlich angebaut.:
In der Bretagne brachte eine Regionalinitiative in den 1980er-Jahren den Anbau zurück, und seit 2010 schützt eine geschützte Herkunftsangabe (AOP) das bretonische Buchweizenmehl. Zudem wird er in manchen Alpenregionen wie dem Tessin oder auch Graubünden, sowie vereinzelt in Mittel- und Osteuropa angebaut.
Heute ist Frankreich der viertgrößte Produzent weltweit, während in der EU Polen, Litauen und Lettland die Anbauflächen dominieren. Buchweizen wächst auf armen Böden, unterdrückt Unkraut und ist deshalb besonders für ökologische Fruchtfolgen wertvoll.
Quinoa startete Ende der 1980er-Jahre mit Feldversuchen der Dutch Quinoa Group in den Niederlanden.
Momentan werden in den Niederlanden und Belgien über 150 ha bewirtschaftet, und Pilotprojekte in Deutschland, Frankreich, England und Spanien knüpfen über Abnahmeverträge enge Vermarktungswege. Auf der schwäbischen Alb wird seit einigen Jahren der Alb-Quinoa angebaut.
Amaranth zeigt in EU-Feldversuchen beeindruckende Widerstandskraft: Ein Forschungsprojekt belegt, dass vor allem Amaranth auch unter Trocken- oder Salzstress ertragssicher wächst. Kleinbäuerliche Anbauer, Liebhaber- und Bioproduzenten in Italien und Spanien liefern stabile Erträge, allerdings erschweren die winzigen Samenkörner noch die Mechanisierung.
Chia reift mit der richtigen Sortenwahl selbst in südwestdeutschen Klimazonen bis zur Samenreife. Die Universität Hohenheim erzielte an ihrer Versuchsstation marktfähige Erträge, doch die heimischen Flächen (rund 160 ha in Benelux und Süddeutschland) bleiben angesichts einer europaweiten Nachfrage von gut 10 000 t pro Jahr überschaubar.
Kaniwa , eine Quinoa-Verwandte aus dem Hochland des Altiplano, einer Hochgebirgskette in den Anden zwischen Peru und Bolivien. Kaniwa braucht extrem kurze Vegetationszeiten und viel UV-Licht. In Europa beschränkt sich ihr Einsatz bislang auf hochwertige Importe, während Anbauversuche noch in den Startlöchern stehen.
Insgesamt deuten Züchtungsfortschritte und vielversprechende Feldversuche darauf hin, dass besonders Quinoa, Amaranth und Chia – unterstützt von verbesserten Erntetechniken und verlässlichen Vermarktungsstrukturen – ihr Nischenpotenzial in Europa weiter ausbauen können.
Kulinarische Anwendungen von Pseudogetreide
Pseudogetreide bereichern heute nicht nur die heimische Küche, sondern haben längst auch industrielle Anwendung gefunden.
So bildet Quinoa mit seiner leicht cremigen, körnigen Konsistenz die perfekte Basis für bunte Salate, herzhafte Suppen oder moderne Bowl-Kreationen.
Amaranth wiederum punktet als sättigender Frühstücksbrei, knuspriges Müsli-Topping oder auch als Bestandteil herzhafter Brote – sein hoher Lysin-Anteil macht es ideal, um klassische Getreidemehle geschmacklich und ernährungsphysiologisch aufzuwerten.
Buchweizen – botanisch zwar ein Knöterichgewächs, doch im Geschmack unverkennbar nussig – findet sich in herzhaften Galettes ebenso wieder wie in japanischen und koreanischen Soba- oder Makguksu-Nudeln.
Die weniger bekannte Kañiwa-Variante, erkennbar an ihrer tiefroten Färbung, liefert noch mehr Eiweiß und Mineralstoffe als Quinoa und verleiht Salaten, Aufläufen oder Suppen eine exotische Optik.
Chiasamen schließlich bilden in Flüssigkeit ein schleimiges Gel, das z.B. veganen Puddings und Smoothies Struktur verleiht und sich als pflanzlicher Ersatz für Bindemittel in Backwaren großer Beliebtheit erfreut.
Auf industrieller Ebene werden aus Quinoa und Amaranthschrot glutenfreie Pasta, knusprige Cracker oder Müsliriegel gefertigt, während luftgeblähte (extrudierte) Knabbereien den gesunden Snackmarkt erobern.
Sogar traditionelle, fermentierte Getränke wie die andiene Chicha setzen auf fermentierte Quinoa und Amaranthkörner, um vielschichtige, leicht säuerliche Aromen entstehen zu lassen.
Ernährungswissenschaftlich überzeugen Pseudogetreide durch einen hohen Anteil löslicher Ballaststoffe, die die Verdauung unterstützen und zur Senkung des Cholesterinspiegels beitragen können. Sie liefern zudem wichtige ungesättigte Fettsäuren, reichlich Magnesium und Eisen sowie sekundäre Pflanzenstoffe – allen voran Quercetin und Kampferöl –, die antioxidativ und entzündungshemmend wirken.
Durch Keimung (Sprouting) lässt sich die Nährstoffverfügbarkeit weiter steigern und antioxidativen Verbindungen merklich zunimmt.
Keimende Quinoa- und Amaranthkörner kommen deshalb vermehrt in Brotteigen, Pfannkuchen oder Crackern zum Einsatz und sorgen für eine verbesserte Bioverfügbarkeit und neue, knusprige Texturen.
Ob als primitive Hausmannskost in Osteuropa („Kasha“ mit Zwiebeln und Walnüssen), als fein abgeschmeckte Galette in der Bretagne, als “Kuttu-Pakora“ und “Laddus“ in Nordindien oder als stylische Quinoa-Bowl in hippen Metropolen – Pseudogetreide haben sich weltweit einen festen Platz erobert.
Ihre Vielseitigkeit als Flocken, Mehle, Saaten oder Gelbildner macht sie zu unverzichtbaren Zutaten für eine moderne, glutenfreie und nährstoffreiche Ernährung.
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